Sämi kam an einem Juni-Abend laut miauend zu mir gelaufen: stark humpelnd, schwer atmend, doch schnurrend, mit einer laufenden Nase.
Zuerst dachte ich, es sei Tigerlilly und sie sei angefahren worden. Dann kam Tigerlilly angerannt – und ich merkte, dass das Tier vor mir jemand anderes war. Ich hatte diese junge Katze noch nie gesehen.
Weil er so eine stark laufende Nase hatte, habe ich ihn ins Appartement genommen, um ihn von den anderen Katzen zu trennen. Bei der Untersuchung sah ich eine grosse, eiternde Bissverletzung am Hinterlauf, eine Verletzung am Auge und diese schwere Atmung.
Ich habe die Wunden versorgt, Schmerzmittel verabreicht, die Nase geputzt, etwas zu fressen gegeben – er hatte einen brandschwarzen Hunger. Eine Styroporbox wurde zum Schlafkorb.
Am Morgen zur Tierärztin: operiert, kastriert, fast eine Woche stationär, Fieber, Infusion mit Antibiotika. Der Leukose-Test fiel zum Glück negativ aus.
Weil ich ihn wegen der noch fehlenden Tollwutimpfung nicht in die Schweiz mitnehmen konnte, habe ich ihn bei einer Bekannten untergebracht. Sämi ist dort nach ein paar Tagen abgehauen. Zwei Monate lang war ich vor Sorge fast verrückt.
Ende August, als ich zurück war und beim Appartement ankam – wer sass da auf der Mauer und hat auf mich gewartet? Sämi. Es ging ihm gut. Ich konnte nur weinen.
